Minolta XD Header DSC03145

 Die XD-7 wurde in Zusammenarbeit mit Leitz entwickelt. Dem von der Olympus OM-1 und OM-2 ausgelösten Trend folgend, war sie deutlich kleiner als das Vorgängermodell XE. Die Objektive, neu mit dem Kürzel "MD" bezeichnet, erhielten eine zusätzliche Kupplung und wurden oft auch neu gerechnet. Hinter der XD-7 die XD-s mit Winder, eine seltene Variante mit Dioptrien-Korrektur im Okular. An der XD-7 das neue MD 85mm 1:2, dessen hervorragende Schärfe nach wie vor Massstäbe setzt. Ganz rechts aussen das MD 135 mm 1:2.8 in der neugerechneten vierlinsigen Variante mit einer dicken, schweren Linse aus niedrig dispergierendem Sonderglas. In der Mitte das hochlichtstarke MD 200 mm 1:2.8, das vierzig Jahre nach dem Zeiss Olympia Sonnar 180 mm 1:2.8 diese Lichtstärke auch dem Minolta-System zugänglich machte. Davor das aufwändig konstruierte Zoom MD 24-50mm 1:4, dessen Leistung auf Festbrennweiten-Niveau ist.

 

Bei vielen Liebhabern und Sammlern gilt die 1977 eingeführte XD als die edelste der manuell fokussierten Minolta-SLRs. Das feine und hochwertige Gehäuse, der seidenweiche Spiegelschlag, die klar strukturierten Bedienungselemente, die ungewöhnlich robuste schwarze Hartverchromung (ein Leitz-Patent) und nicht zuletzt die erstmals realisierte freie Wahl zwischen Zeit- und Blendenautomatik trugen zum Mythos der XD bei. Um eine präzise automatische Ansteuerungder Blende zu gewährleisten, mussten auch die Objektive mechanisch modifiziert werden. Neu wurden sie mit dem Kürzel „MD“ (statt „MC“) bezeichnet.

 

Die XD wurde in enger Zusammenarbeit mit Leitz entwickelt und diente als Basis für die Leica-Modelle R4, R5, R6 und R7; sie wurde in Europa als XD-7 und in den USA als XD-11 vermarktet. Etwas verzögert folgte die abgespeckte XD-5, und die nur kurze Zeit für Japan und die Schweiz gebaute XD-s ist heute eine gesuchte Rarität. Bereits 1974 – drei Jahre vor der Markteinführung – fotografierte der Minolta-Fachbuchautor Josef Scheibel in Japan mit einem Prototyp der Minolta XD. Durch Umlegen eines kleinen Hebels konnte er zwischen Blenden- und Zeitautomatik wählen. Zuvor war ein solcher Wechsel praktisch nur durch Umstieg auf ein anderes System möglich gewesen: Canon und Nikon setzten bei der F-1 und AE-1 bzw. der F2 auf eine Blendenautomatik, während Minolta mit der XM und der XE die Zeitautomatik zur Marktreife gebracht hatte. 

Die Minolta XD war – dem von Olympus-Chefkonstrukteur Maitani mit der OM-1 ausgelösten Trend folgend – deutlich kleiner und leichter gebaut als die XE, deren Gehäuse im Wesentlichen der SR-T von 1966 glich. Mit leichter zeitlicher Verzögerung wurden auch viele der Objektive neu gerechnet; bei ähnlicher oder sogar besserer Leistung sind sie deutlich kleiner und leichter als ihre Vorgänger. Minoltas englischsprachiger XD-Prospekt – nachfolgend übersetzt – sagt einiges aus über den Stolz der Firma auf das neue Modell, das dem Fotografen erstmals die freie Wahl zwischen manueller Belichtung, Blenden- und Zeitautomatik liess:

“Minolta entwickelte als erster Hersteller eine 35mm-SLR-Kamera mit Mehrfach-Belichtungsautomatik: die XD-7. Die XD-7 ist eine durch und durch professionelle Kamera, deren fortschrittlicher Sucher den Fotografen umfassend informiert. Ihre ausgefeilte Elektronik und ihr kompaktes, leichtgewichtiges Design machen die XD-7 zu einer der schnellsten und komfortabelsten SLRs, die jemals gebaut wurde – schlicht eine Klasse für sich!“

 

GEHÄUSE

Anders als beim Nachfolger X-700 ist das Gehäuse der XD vollständig aus Metall gefertigt. Die XD wurde in zwei Gehäusevarianten angeboten – einer silbernen und einer schwarzen. Das schwarz verchromte Gehäuse war teurer, wurde in der Regel von Profis bevorzugt und ist deutlich seltener zu finden. Fast alle schwarzen XD sehen auch heute noch wie neu aus: Sie wurden nicht lackiert (wie etwa Nikons F), sondern nach einem von Leitz entwickelten Verfahren hartverchromt. Bei frühen Exemplaren neigt die Belederung zum Schrumpfen. Aufgrund der hohen Beliebtheit der XD sind aber im Internet fertig vorgestanzte Sets erhältlich, mit denen der Anwender seine XD neu und – falls gewünscht – auch exklusiv beledern kann (www.cameraleather.com). Falls die Lichtdichtungen der Rückwand zum Zerbröseln neigen, lassen auch sie sich günstig selbst ersetzen (z. B. www.kameradoktor.de). Bei langem Nichtgebrauch können gewisse Dämpfer der Spiegelmechanik verharzen, was sich ein einer fühlbaren Auslöseverzögerung äussert. Dieser Fehler lässt sich durch Reinigung des entsprechenden Dämpfers beheben.

 

SUCHER UND MATTSCHEIBEN

Das Sucherbild der XD wirkt deutlich brillanter als dasjenige der XE, der XM oder gar der SR. Minolta hatte nach zehnjähriger Entwicklungszeit die einfache Mattscheibe durch eine solche mit gegen drei Millionen Mikrolinsen ersetzt, welche beim Fokussieren zu „springender Schärfe“ führen. Allein das Herstellen der Gussform für die sogenannte „Acute Matte“-Mattscheibe erforderte drei Jahre! Mattscheiben mit dieser Technologie wurden nicht nur von Minolta, sondern bald auch von Leitz und von Hasselblad genutzt – bessere Referenzen lassen sich wohl kaum denken. Der damalige Vorsprung von Minolta konnte bis hin zur aktuellen Sony Alpha 900 gehalten werden, welche nach übereinstimmendem Urteil der Tester das hellste Sucherbild aller professionellen DSLRs bietet.

Die Mattscheiben der XD sind auswechselbar; vier verschiedene wurden angeboten. Der Sucher selbst ist jedoch fest eingebaut – Wechselsucher blieben der XM vorbehalten. Unterhalb des Sucherbildes werden die aktuell eingestellte Blende und Zeit eingespiegelt; rechts zeigen LEDs je nach Modus die automatisch gebildete Belichtungszeit bzw. Blende. Auch im manuellen Modus bleiben alle Informationen im Sucher sichtbar.

 

ELEKTRONIK

Die Elektronik der XD hat drei integrierte Schaltungen (ICs); sie ist deutlich ausgefeilter als diejenige des Vorgängermodells XE. Die XD bot als erste SLR des Marktes nicht nur Zeitautomatik, sondern auch Blendenautomatik. Um bei letzterer den ganzen Blendenbereich nutzen zu können, muss man am Objektiv den Blendenring auf die grün hinterlegte, kleinste Blende schliessen. Durch Einstellen einer grösseren Blende (z. B. f5.6 statt f22) kann die Blendenautomatik auf den Bereich zwischen grösster Öffnung und eingestellter Blende limitiert werden. Sobald der solcherart eingeschränkte Blendenbereich an seine Grenzen stösst, wird die Verschlusszeit entsprechend angepasst. Die XD bietet somit dem versierten Nutzer eine versteckte Programmautomatik, die erst noch vom Anwender auf einfachste Art und Weise programmierbar ist – eine Flexibilität, mit der 1977 kein Mitbewerber mithalten konnte.

 

BELICHTUNGSMESSUNG

Statt zwei Cadmiumsulfid-Zellen (SR-T, XM und XE) benutzt die XD zur Belichtungsmessung eine einzelne Siliziumzelle, die schneller reagiert und damit auch bei motorisierten Bildserien eine zuverlässige Belichtung ermöglicht (Messbereich EV 1- EV 18). Um die mechanischen Toleranzen der Blendensteuerung auszugleichen, wird nach dem Schliessen der Springblende die Lichtmenge nochmals präzise gemessen und die Belichtungszeit nachkorrigiert, bevor der Verschluss abläuft. Praktisch bedeutet dies, dass man auch MC-Objektive mit Blendenautomatik nutzen kann; man wird aber im Sucher nicht darüber informiert, welche Blende die Automatik effektiv ansteuert.

 

VERSCHLUSS

Der Metall-Lamellen-Verschluss wurde vom bekannten Uhrenhersteller Seiko geliefert. Er hatte offiziell einen Automatikbereich von 32 s – 1/1000 s; Messungen von Josef Scheibel lassen aber den Schluss zu, dass er im Automatikmodus auch 1/2000 s korrekt ansteuert. Zudem sind zwei mechanische Notzeiten (B und O=1/100s) vorhanden. Der Verschluss läuft innert 7 ms über die kürzere Formatseite ab.

 

ZUBEHÖR UND FEATURES

Ein gewichtiges Manko aller vorgängigen Minolta-SLRs wurde mit der XD endlich ausgemerzt: Man konnte einen Winder anschliessen, der immerhin 2 Bilder/s belichtete. Minolta hatte damit das hauseigene Dogma revidiert, dass nur eine speziell konstruierte SLR (wie die SR-M und die XM-Motor) für Motorbetrieb geeignet sein könne – auch wenn Nikon schon fünfzehn Jahre früher das Gegenteil bewiesen hatte. Zumindest in meinen Händen fühlt sich die XD mit Winder deutlich handlicher an, zumal, wenn man ein grösseres Objektiv benutzt. Auch ein „Quartz Data Back“ wurde zur XD erstmals angeboten. Weitere Features wie Doppelbelichtungsmöglichkeit, eingebauter Okularverschluss (bei der seltenen XD-s eine eingebaute Dioptrien-Korrektur), Abblend-Taste, Anschluss für Studioblitze, ein einstellbarer Selbstauslöser (2 s bis 10 s) und ein Wählrad für gezielte Über-/Unterbelichtung runden die umfassende Ausstattung ab. Einziges wirkliches Manko dürfte die fehlende Spotbelichtungsmessung und – allenfalls – der fehlende Wechselsucher sein. Zumindest ein Wechselsucher war bis 1980 mit der wesentlich teureren XM erhältlich. Im Gegensatz zur Olympus OM-2 bot die XD aber keine TTL-Blitzbelichtung an. Auch ein schneller Motor fehlte; nur zur Leica R4 war ein solcher erhältlich. – Starke Mitbewerber der XD waren Olympus’ kompakte OM-1 und OM-2 sowie ab 1978 Canons A-1, die eine echte Programmautomatik und einen Motor mit bis zu 5 B/s hatte.

 

OBJEKTIVE

Bereits vor Erscheinen der XD wurden erste Objektive ausgeliefert, die eine neues mysteriöses Kupplungselement und die Bezeichnung „MD“ (statt „MC“) aufwiesen. Weniger offensichtlich war, dass auch der ganze Mechanismus der Springblende neu konstruiert war, um eine präzise Blendensteuerung durch die Kamera zu ermöglichen. Während man die XD durchaus als Höhepunkt des Minolta-SR-Systems ansehen kann, zeigen viele der ab 1978 zur XD gefertigten Objektive bereits erste Anzeichen des herannahenden Plastik-Zeitalters – so waren Blendenringe teils nicht mehr aus Metall gefräst, sondern aus Kunststoff gefertigt. Vereinzelt war sogar der Tubus aus Kunststoff.

Ab 1978 wurde rund die Hälfte der Objektive neu gerechnet, um sie kleiner und leichter zu machen. Einige wichtige MD-Objektive – so das 2.8/20 mm, das 1.8/35 mm, das 2/85 mm und das 4.5/300 mm – wogen nach der Überarbeitung nur mehr rund die Hälfte. Auch die Klassiker 1.2/50 mm, 1.4/50 mm, 2.8/135 mm und 4/200 mm wurden wesentlich leichter. Erstaunlicherweise litt darunter die Abbildungsleistung nur wenig oder gar nicht.

Eine wichtige Neurechnungen war das MD 2.8/85 mm VariSoft, das durch kontrolliert steuerbare sphärische Aberrationen einen malerischen Weichzeichnungseffekt ermöglichte und als Ergänzung zum ebenfalls neuen und ungewöhnlich scharf zeichnenden MD 2/85 mm gedacht war – Hamiltons feenhafte Mädchenbilder entstanden teils mit dem VariSoft. Weitere bemerkenswerte Neukonstruktionen waren das leichte und lichtstarke MD 2.8/200 mm mit einer Linse aus niedrig dispergierendem Sonderglas sowie das apochromatisch korrigierte MD 6.3/600 mm APO mit einer Linse aus Fluoritkristall.

In der Ära der XD begann auch der deutliche Trend hin zu Zoom-Objektiven. Minolta deckte mit dem teuren und exzellenten MD 4/24-50 mm sowie den auch für die Leica gefertigten MD 3.5/35-70 mm und MD 4.5/75-200 mm den wichtigen Bereich zwischen starkem Weitwinkel und mässigem Teleobjektiv durchgehend ab. Ein eher exotisches 8/100-500 mm konnte sich hingegen nicht durchsetzen.

Ein wichtiges Manko des SR-Systems waren nach wie vor die fehlenden hochlichtstarken Objektive. Canon lieferte nicht nur ein FD 1.4/24mm, sondern auch ein 1.2/85mm und ein 2.8/300mm. Minolta konnte da nicht mithalten; das 2.8/24mm, das 2/85mm und das 4.5/300mm waren in der jeweiligen Brennweitenklasse das Höchste der Gefühle. Gerade weil aber die angebotenen Objektive gleichzeitig klein, von höchster Qualität und farblich aufeinander abgestimmt waren (und sie in der Regel gleichauf mit Zeiss und Leitz getestet wurden), fotografierten viele bekannte Reisefotografen ihre Diaschauen mit dem Minolta-System.

Meine XD-Kameras erwarb ich zusammen mit einem MD 2.8/24 mm, einem MD 1.7/85 mm und einem MD 2/135mm von einem Weltreisenden und Buchautor, der mit dieser Ausrüstung unter schwierigsten Bedingungen fotografiert hatte. Irgendwie reizt diese unauffällig-klassische Ausrüstung dazu, hochwertige s/w-Fotografie zu betreiben. Man könnte mit Kodaks legendärem Tri-X arbeiten und dazu den ausgleichenden D-11-Entwickler wählen. Und vielleicht findet sich sogar irgendwo noch eine Schachtel Barytpapier …

Interessante neue Objektive (1978-79):

MD 2.8/20mm [10/9] - (deutlich kleiner als das frühere MC 2.8/21 mm)
MD 1.8/35mm  [8/6] - (deutlich kleinere Neurechnung)
MD 1.2/50mm [7/6] - (deutlich kleiner als das frühere MC 1.2/58 mm)
MD 2/85mm [6/5] - (deutlich kleiner als das frühere MC/MD 1.7/85 mm)
MD 2.8/85mm VariSoft [6/5]
MD 4/100mm Macro [5/4]
MD 2.8/135mm [5/5] - deutlich leichter als das vierlinsige MD 2.8/135mm
MD 2.8/200mm [5/5]
MD 4.5/300mm IF [7/6] - deutlich leichter als das frühere MC 4.5/300mm
MD 6.3/600mm APO [9/8]
MD 4/24-50mm [13/11]
MD 3.5/35-70mm 8/7]
MD 4.5/75-200 mm [15/11]

Modifikationen beim Übergang von MC zu MD-Objektiven:

• Neuer Steuernocken
• Neukonstruktion des Blendenmechanismus für präziserer Steuerung
• Trend zu kleineren Objektiven
• Trend zu Zooms (die aber noch sehr teuer sind)
• Zaghafter Ausbau bei den langen Teleobjektiven
• Erste Rationalisierungen durch Einsatz von Kunststoffen (Blendenring, Tubus)

 

Repair Manual XD-11  (identisch zu XD-7 und XD)